
Manchmal sind es die Zufälle im Leben, die ein Thema von außen anstoßen. ”Sich entschuldigen” und in der Folge die Bitte um “Verzeihung” war in den vergangenen Tagen solch ein Thema. “Was tun, wenn die Zeit knapp wird”, die Titelgeschichte des Magazin Chrismon, hat diese Gedanken verstärkt.
Wenn es wie im Straßenverkehr ein “Punktekonto” für Kränkungen und Verletzungen gäbe, wie hoch wäre der persönliche Kontostand? Welche Menschen haben sich verletzt oder gekränkt gefühlt, durch Dinge, die wir gesagt oder getan, verschwiegen oder unterlassen haben? Bedrückt uns dies im Verborgenen oder sogar ganz bewusst? Bilanz zu ziehen, kann sehr befreiend wirken. (Hier sind alltägliche Kränkungen und Verletzungen gemeint, schwere Schuld ist in meinen Augen ein anderes Thema.)
Ist der Prozess des Sich-Entschuldigens abhängig von der Vergebung des Gegenübers? Oder geht es vielmehr darum, die eigene Verantwortung für eine Situation zu übernehmen, die ein anderer als kränkend oder verletzend erlebt hat? Oft sind wir ja selbst aus unserer Mitte, wenn wir eine verbale Keule auspacken und/oder vehement reagieren. Beides - der Rückzug ins Kränken und Verletzen sowie ins Gekränkt- und Verletzt-Sein - ist das Ende des Dialogs und Ausdruck eines Machtkampfes, in dem immer beide verlieren.
Meiner Erfahrung nach hat bereits das Formulieren einer -ernst gemeinten- Entschuldigung eine befreiende Wirkung. Ob unser Gegenüber uns verzeiht, ist dabei unabhängig von uns und unserem Einfluss. Verzeihen setzt immer auch das Verlassen des ”Opfermodus” beim Gekränkten voraus. Beide haben die betreffende Situation ja mitgestaltet, in den klassischen “Täter”-”Opfer”-Szenarien gerät dies schnell aus dem Blick. Interessant ist, sich den eigenen Anteil näher anzusehen.
Wie hoch ist Ihr Punktekonto?
Gibt es Menschen, bei denen Sie sich gerne entschuldigen würden?
Wie hoch ist der Preis, welches Risiko gehen Sie ein, wenn Sie die Hand austrecken und “Verzeih mir” sagen?
Gibt es auch bei Ihnen einen Menschen, auf den Sie gleich heute zugehen können, um sich zu entschuldigen?
Was macht es schwer?
Was hält Sie zurück?
Was können Sie verlieren, was gewinnen?
Die Fähigkeit anderen zu verzeihen steht meiner Erfahrung nach im direkten Zusammenhang mit der Fähigkeit, sich selbst zu vergeben. Auch wenn Sie mit einer Entschuldigung vielleicht ins Leere laufen - sie ist wertvoll, weil sie den Machtkampf beendet…
Herzliche Grüße und eine schöne Woche
Sandra Heinzelmann



Hallo Sandra,
da sprichst Du ein Thema an, das mich bereits sehr lange begleitet – musikalisch seit 1982, seit die Gruppe Chicago den wunderschönen Song Hard to Say I’m Sorry veröffentlicht hat.
Deine letzte Frage und der darauffolgende Absatz sind mir besonders wichtig: Meiner Erfahrung nach verliert man durch eine Entschuldigung nie etwas, im Gegenteil: In den meisten Fällen gewinnt man dadurch. Und genau aus dem Grund, den Du nennst: Eine Entschuldigung entschärft den Machtkampf. Und ein Machtkampf blockiert fast immer eine Situation, weil er die Beteiligten unfrei macht.
Und noch eine kleine Feinheit zum Thema Entschuldigung: Man kann sich selbst – genaugenommen – nicht entschuldigen. Entschuldigen kann etwas immer nur der andere, in dessen Schuld man steht. Man kann also lediglich um Entschuldigung (Verzeihung) bitten:
“Ich entschuldige mich” geht also eigentlich nicht, besser wäre “Entschuldige bitte” oder “Ich bitte um Verzeihung”. Dennoch finde ich, dass “Ich entschuldige mich” besser ist als gar kein Versuch in diese Richtung.
Ebenfalls herzliche Grüße und eine schöne Woche
Dave
Lieber Dave,
danke für Deine Rückmeldung zum Thema und den Link zu diesem wunderschönen Song.
Ich denke, dass ich mich auch entschuldigen kann, indem ich mir in einem ersten Schritt bewusst mache und selbst vergebe, was ich beim anderen an Schmerz und/oder Zorn ausgelöst habe. In meinen Augen sind es oft gerade die eigenen Schuld- und Schamgefühle, die uns abhalten “Sorry” zu sagen und unsere Verantwortung anzunehmen. Lieber auf stur schalten… den Kontakt abbrechen… sich selbst als Opfer fühlen…
Für mich liegen hier wertvolle Schlüssel… Ich glaube, im Reinen sind wir dann, wenn wir auch damit klar kommen, dass der andere unsere Bitte um Verzeihung ablehnt oder als neuen Grund des Angriffs sieht…
Liebe Grüße
Sandra
Somehow i missed the point. Probably lost in translation
Anyway … nice blog to visit.
cheers, Defray.
Hi Defray,
there is an English version of this, too. Here… http://lifedirector.wordpress.com
Have a nice day
Sandra